Wer sind wir

Mit unserer mobilen Mosterei pressen wir Saft aus Obst von lokalen Streuobstwiesen und Gärten im Köln/Bonner Raum.
Was dabei raus kommt, ist der frische Most aus dem wir sowohl unsere leckeren Säfte als auch unsere saftigen Cider machen.

Der dabei übrig bleibende Trester kommt - kompostiert - wieder in die Erde, als Feuchtigkeitsspeicher und Nährstoffspender für die Obstbäume und andere Pflanzen.
Wir arbeiten dabei im Kollektiv, also ohne Chef*in, was bedeutet, dass wir zusammen die Produktionsmittel besitzen, Entscheidungen gemeinschaftlich treffen und gemeinsam die daraus wachsende Verantwortung tragen.

Auch tragen wir durch Baumpflege und Baumpflanzungen zum Erhalt und Ausbau dieser ökologisch wichtigen Kulturlandschaft bei und erklären uns zugleich solidarisch mit Allen die für den Erhalt Kleinbäuerlicher Strukturen und eine Klimagerechte Zukunft kämpfen.

Streuobstwiesen als umkämpfte COMMONS

Oftmals waren die Baumkulturen früher als Allmenden organisiert – als Gemeingüter, die von der Gemeinschaft bewirtschaftet wurden. Denn beim Streuobst war bei recht geringem Pflegeaufwand eine relativ reiche Ernte kontinuierlich über die Jahre erwartbar. Hätte jede_r seine eigenen zwei oder drei Obstbäume gehabt, hätte er_sie von diesem Obst tendenziell zu viel, während er_sie kein Zugang zu anderen Obstsorten mit anderen Reifezeitpunkten oder Verarbeitungsmöglichkeiten gehabt hätte. So machte es Sinn, die Wiesen gemeinsam zu bewirtschaften, und gemeinsam das Obst zu verarbeiten. Neben dieser ökonomischen Zweckmäßigkeit, hatte diese kommunitäre Form der Bewirtschaftung aber auch ihre Auswirkungen auf das Soziale. Durch die gemeinsame Bewirtschaftung wurde die Gemeinschaft gestärkt. Ganz anders als beim privaten Getreideanbau, bei dem oft Streitigkeiten über Grenzverläufe entstanden und so eine misstrauisch-konkurierende Note in der Dorfgemeinschaft gestärkt wurde.

Mit der sogenannten Aufklärung oder der Frühmoderne fand ein Angriff auf die Allmenden der kleinbäuerlichen Gemeinschaften statt. Darunter waren Streuobstwiesen, aber auch Esskatanienhaine, oder vielfältig genutzte Bauernwälder. Denn das Aufkommen der Tuchindustrie als erste kapitalistische Leitindustrie machte für den Adel und andere Grundbesitzer das Halten von Schafen sehr lukrativ. Also wurden die Kleinbäuer*innen von ihren Allmenden vertrieben, die Obst- und Nussbäume gefällt und die Fläche daraufhin eingezäunt. Der Begriff der "Einhegung" oder "Enclosure" der die Inwertsetzung einst wertfreier Bereiche meint stammt aus dieser Zeit. Der Begriff "Gemeinheit" hingegen, der eigentlich nur etwas gemeinsam bessesenes meint, nahm durch die Propaganda der Landbesitzer gegen alles kollektive hier die negative Wendung, die uns heute gewohnt ist. Am schlimmsten war die Vertreibung der Kleinbäuer*innen von den Allmenden für die Landlosen: Denn sie wohnten zuvor oftmals in Hütten auf den Allmenden und ernährten sich von ihren Früchten. In Preußen wurden die Einhegungen folgerichtig "Bauernlegen" genannt. Thomas Morus parodierte diesen Zustand und schrieb: "Eure Schafe … Eigentlich gelten sie als recht zahm und genügsam; jetzt aber haben sie, wie man hört, auf einmal angefangen, so gefräßig und wild zu werden, daß sie sogar Menschen fressen, Länder, Häuser, Städte verwüsten und entvölkern."

Die obdachlos gemachten Kleinbäuer*innen wurden alsdann als Landstreicher*innen kriminalisiert, eingefangen und in die Arbeitshäuser gesperrt, in denen sie unentgeltlich und unter Zwang für die Tuchindustrie arbeiten mussten. Aus ihnen heraus entwickelte sich die ganze Disziplin der Einschließungen, die Foucault analysiert. Ohne diese frühkapitalistischen Gulags ist die Entstehungsgeschichte des Kapitalismus nicht zu schreiben.

Die institutionelle Flurbereinigung, welche in Westdeutschland ab 1953 verstreute Flächen und Besitzrechte zu größeren Flächen zusammenfügte, um den Einsatz schweren Gerätes lohnenswert zu machen, wollte dann endgültig mit der Streuobstwiese schluss machen. Denn die aufkommenden niedrigstämmigen Obstplantagen galten als rationeller und profitabler. Im Zuge dieser Flurbereinigung wurden großflächig Moore und Feuchtwiesen entwässert, sogenanntes Ödland kultivierbar gemacht, Prämien für das Fällen von Streuobstwiesen gezahlt und – ganz wichtig für eine effizientere, maschinelle Bearbeitung – die Hecken und Knicks beseitigt, welche zuvor ein engmaschiges Netz durch die Feldlandshaft zogen und verhinderten, dass Wind den Oberboden großflächig verwehen konnten.

Egal ob Ost oder West – die moderne Landwirtschaft unterzog den ländlichen Raum nun vollständig dem Extraktivismus. Der Landschaftspoet und Filmjournalist Dieter Wieland berichtet von dieser Verödung und davon, wie der Bauernstand, welcher in den vorigen Jahrhunderten noch erbitterte Kämpfe gegen die Vereinheitlichung der Landwirtschaft geführt hatte, nun selbst zum eifrigsten Vertreter dieser wurde: „Wieder um eine Erinnerung betrogen. Tag für Tag verliert das Auge. Kuppen, Senken, Bäche, Hohlwege und Hecken überfahren, zugeschoben und ausgelöscht. Die Ausräumung der Landschaft – eine schleichende Plünderung und Selbstbestümmelung, eine Verarmung ohne Gleichen. [...] Und reihenweise fallen die alten Streuobst-Anlagen, die langen Zeilen der Kirschen, Äpfel, Zwetschgen – ohne deren Duft und Blühen die alte bayrische Landschaft nicht denkbar war. Noch immer fallen […] tausend Bäume und mehr bei einem einzigen Flurbereinigungsverfahren. Kampf um jeden Quadratmeter. [...] Ein Baum? Bei mir? Wieso? Windschutzhecke? Wieso ausgerechnet bei mir? Wenn wirklich Hecken gepflanzt werden, wird immer wieder die Wurzel angefahren. Was höher wächst, wird rücksichtslos geschnitten. Hundert neu gepflanzte Eichen über Nacht gekappt, meldet die Straßenbauverwaltung. Soviel Hass auf Bäume, soviel Blindheit, soviel Unwissen hat es noch nie gegeben. Und Alleen gibt es nur noch dort, wo sich noch keine ADAC-Ortsgruppe etabliert hat. Im Zeitalter der hohen PS-Zahlen sind Alleebäume eher lästig. ‚Wenn Alleebäume nicht beseitigt werden, bleibt der Mensch dem Umweltschutz untergeordnet‛, sagt der ADAC. Man muss sich alte Bilder in Erinnerung rufen, um zu begreifen, wie hoch die Verlustrechnung schon ist. Wo sehen sie noch Bauernhöfe, die langen Dächer eingegrünt in hohe Bäume? In Eichen, Eschen, Linden, voller Duft? Und eingehüllt in den Brautschleier blühender Apfelbäume? Sie haben aufgeräumt mit allem. Ich kenne Bauern, reiche Bauern mit viel Grund und Boden, die haben in ihrem Leben noch nie einen Baum gepflanzt. Aber hundert Apfelbäume haben sie vernichtet und fünf 300 Jahre alte Eichen. Und mindestens 3 Kilometer Hecken. […] Was ist da nur passiert in den Köpfen? Was ist da für eine Welt zerbrochen? Dass man sich für Bäume schämt? Dass man Pflanzen, mit denen man aufgewachsen ist, für altmodisch, unmodern hält, dass man seinen Reichtum plündert und auf den Müllplatz kippt, weil man das heute nicht mehr hat, angeblich.“ (Dieter Wieland in seiner Text-Video-Show „Grün kaputt“, 1983, Bayrischer Rundfunk)

Auch heute geht der Angriff auf die Allmenden weiter. Zwar sind in Mitteleuropa so gut wie alle traditionell gemeinsam genutzten Landflächen eingeebnet, doch im globalen Süden nimmt die Vertreibung der Kleinbäuer*innen und Indigenen von ihren gemeinsam genutzten Flächen immer noch weiter zu. In Afrika kaufen internationale Investor*innen ganze Länder auf, was unter dem Begriff "Landgrabbing" bekannt wurde und in Brasilien vertreibt der Faschist Bolsonaro die Indigenen aus ihren angestammten Flächen im Regenwald auf denen sie hochkomplexe Mischkulturen als Allmenden anlegen.
Auf der einen Seite müssen diese Angriffe auf die Allmenden gestoppt werden. Zum anderen müssen wir neue Allmenden aufbauen - auch wieder hier in Mitteleuropa. Wie wäre es wieder Streuobstwiesen als gemeinsam gepflegte und gemeinsam genutzte Fläche zu errichten? Durch das gemeinsame Tun kann auch der Atomisierung der heutigen neoliberal vereinsamten Gesellschaft entgegengewirkt werden.

Dieser Text basiert auf einer Arbeit eines Most&Trester-Kollektivisten, die im September 2020 als Buch im oekom-Verlag veröffentlicht wird: "Paradise Lost - Vom Ende der Vielfalt und dem Siegeszug der Monokultur " https://www.oekom.de/buch/monokultur-9783962382032?p=1

Streuobst for Future

Streuobstwiesen zählen zu den artenreichsten Biotopen in Mitteleuropa. Das liegt an der großen Strukturvielfalt, die durch die Abwechslung der Bäume mit dem Grünland entsteht. Vor allem wenn alte Obstbäume auf der Wiese stehen, Totholz - oder gar abgestorbene Bäume - stehen gelassen werden, entstehen zahlreiche Lebensräume für Vögel, Fledermäuse und Eulen in den Höhlungen. Zum Beispiel für den Steinkautz und den Wendehals bieten solche Höhlungen wichtige Lebensräume. Auch zahlreiche Reptilien und Amphibien fühlen sich auf Streuobstwiesen wohl. Ganz besonders wenn Biotope aus Holz- oder Steinhaufen die Strukturvielfalt noch erhöhen.

Dass das Totholz die Artenvielfalt erhöht heißt aber keinesfalls dass die Streuobstwiesen sich selber überlassen werden sollen. Denn verfallende Streuobstwiesen bringen weniger und schlechteres Obst hervor, sodass das Interesse an den Streuobstwiesen zurückgeht und deshalb auch keine neuen mehr angelegt werden. Nur eine wirtschaftliche Nutzung der Wiesen wird dazu führen, dass Streuobstiesen auch in Zukunft unser Landschaftsbild mit prägen.

Von den einstmals mehreren Hundert Sorten alleine beim Apfel, die alle ihre Vorzüge je nach Standort, Nutzung und Reifezeitpunkt hatten, werden heute nur noch kaum mehr als ein Dutzend Sorten für die Supermärkte angebaut. Und zwar alles Sorten, die sehr krankheitsanfällig sind und sehr intensiv gespritzt werden müssen, sodass selbst viele Biobäuer_innen glauben, dass Obstbau ohne regelmäßige Behandlung nicht möglich wäre. Die Streuobstwiesen mit den alten, robusten Sorten beweisen Jahr für Jahr das Gegenteil. Und bieten gleichzeitig eine viel breitere Palette an Nutzungen als das Supermarktobst: Neben dem Tafelobst zum Direktverzehr finden wir hier Dörrobst, Mostobst, Lagerobst, Obst zum Eindicken zu Apfel- und Birnenkraut und vieles mehr. Ganz abgesehen von einigen Obstsorten die heute fast in Vergessenheit geraten sind wie die Quitte, die Mispel oder der Speierling. Diese breite Diversität ist sowohl für unsere Ernährung wichtig, aber auch zum Erhalt dieser Genvielfalt. Verändern sich die Anbaubedingungen durch den Klimawandel sind neue Sorten gefragt, die diesen Bedingungen standhalten. Je größer die Vorhandene Genvielfalt, desto eher werden passende Sorten für die geänderten Bedingungen gefunden.

Durch den Klimawandel kommt aber gerade heute ein enorm wichtiger Punkt hinzu, warum es sich lohnt Baumkulturen wie Streuobstwiesen oder Nuss- und Kastanienhaine wieder verstärkt in eine vielfältige Landschaft der Nahrungserzeugung zu integrieren.
Denn diese können in ihrem Holz, in den Wurzeln und in den Böden weit mehr Kohlenstoff einlagern, als das in Monokultur einjähriger Pflanzen möglich ist. Ebenso haben Bäume einen immensen Einfluss auf das Kleinklima. Sie können sowohl extreme Hitzen als auch extreme Kälteperioden abmildern. In Bezug auf den Klimawandel ist es also nicht nur wichtig, durch die Einspeicherung von Kohlenstoff global zu einer Klimaressilienz beizutragen, sondern auch lokal Landschaften und Landwirtschaften zu schaffen, die robuster gegenüber der Veränderung des Klimas (in alle Richtungen) sind. Baumkulturen sind für beides – sowohl global auch als lokal gesehen – das non plus ultra.

Auch „moderne“ Agro-Forst-Strukturen, bei denen Baumreihen – meist für die Holzernte – in herkömmliche Äcker gepflanzt werden, können eine enorme Wirkung der Kohlenstoffbindung haben. So wäre es sogar möglich der Atmosphäre wieder CO2 zu entziehen. Natürlich nur wenn wir zeitgleich aufhören fossile Energien zu verbrennen...

Als Agro-Forst-Systeme werden Flächennutzungen bezeichnte, die sowohl agrarische Produkte (also meist Essbares für Mensch und Tier) und forstwirtschaftliche Produkte (also Holz) auf der selben Fläche erzeugen. Während es in den Tropen eine ganze Palette solcher hochproduktiver Systeme gibt – die im übrigen als Polykulturen viel größere Hektarerträge erzielen können als es die Getreidefelder mit hohem Energieinput vermögen – sind es in Mitteleuropa vor allem die Streuobstwiesen, welche hier traditionell so genutzt wurden. Wobei der Name Streu-Obst schon verrät, dass neben dem Obst nicht das Holz die wichtigste Nutzung war, sondern die Streu, also das Laub der Bäume, mit dem die Tierställe eingestreut wurden, bzw. welches als Tierfutter wichtig war.